Northlandstories four:

Ich erzähle euch nun von einem Tag, der -unerwartet – wahrscheinlich einer der besten und aufregendsten in Neuseeland bisher gewurden ist.

Der Tag nach dem Krieg – dem Mückenkrieg: Total verpeilt und noch müde von den vielen Blutspenden, fahren wir Richtung „Te Paki“. Das ist nicht wirklich ein Ort, sondern eher so eine Art Region. „Te Paki Giant Sand Dunes“ – da geht es hin. Wir sind praktisch die ersten an diesem Morgen, die vor dem LKW einer kleinen Familie stehen und darauf warten, Sandboards auszuleihen. Wir wollen Sanddünen reiten gehen.

Die größe dieser Dünen haut mich regelrecht um, als wir uns mit zwei Brettern bewaffnet auf den Weg zum ersten Abhang machen. Sie sind unfassbar hoch und erstrecken sich über mehrere Kilometer länge – so eine Art Microwüste mitten in Neuseeland. Für mich ist dieser Anblick und der Schnupperkurs „Wüste“ aus irgendeinem Grund viel beeindruckender als der versprochene „Rutschspaß“ an den Dünen.

Wir heizen mehrere Hügel herunter und haben trotz der unverhältnismäßig hohen Anstrengung zum erklimmen der Gipfel, eine Menge Spaß. Anfang, Mitte Dezember ist hier noch nicht all zu viel Betrieb, was die ganze Sache definitiv sehr angenehm macht. Ein paar Wochen später sah es schon ganz anders aus. Da konnte man den Sand vor lauter Menschen nicht mehr sehen.

„Auf dem Bauch geht es den Hang hinab.“

Gut gelaunt geben wir nach ca. 3 Stunden Fahrspaß und Staunen die Bretter wieder ab und steigen wieder ins Auto Richtung „Cape Reinga“ – dem nördlichsten Punkt Neuseelands.

Auf dem Weg dahin, halten wir am Ninety Miles Beach – einem seeeeehr langen und extrem breiten Strand, den man (theoretisch) mit dem Auto befahren kann. Etwas zögerlich checke ich mal eine Zufahrt zu dem Strand und stelle schnell fest: „Auf gar keinen Fall! Zu viel loser Sand. Da kommen wir niemals drüber.“ Der Strand an sich sollte eigentlich überhaupt kein Problem sein, denn bei Ebbe liegt ein sehr breiter Streifen frei, der hart genug ist, um ihn zu befahren. Aber die Zufahrten sind halt aus normalem, losen, tiefen Sand, wie man es von jedem normalen Strand kennt.

Ein wenig enttäuscht fahren wir weiter und machen Mittagspause auf einem kleinen Hügel. Die Idee vom Ninety Miles Beach lässt mich einfach nicht los – das ist doch eine einmalige Chance – wo kann ich denn sonst mit dem Auto über einen Strand brettern?

Als wir am Cape Reinga ankommen, laufen wir ein paar Minuten zum Leuchtturm und zerschmelzen förmlich in der Mittagssonne. Hier hört Neuseeland nun aber entdültig auf – ein komisches Gefühl, denn so richtig begreifen kann man das nicht. Genauso wenig, wie die Tatsache, dass ich gerade am anderen Ende der Welt stehe und auf die Kilometerangaben der gelben Pfeile schaue, die nach London, Tokyo, New York und in die ganze Welt zeigen.

„Autsch!!!“ rufe ich als ich den Rückwärtsgang einlege und mir meine Hand an dem schwarzen Schaltknüppel von Mr Mato verbrenne. Langsam aber sicher manövriere ich unsere Sauna aus der engen Parklücke und kann es kaum erwarten die Klimaanlage anzuwerfen. Die funktioniert allerdings nur bei voller Fahrt mit offenem Fenster, denn wir haben KEINE! Dafür lässt sich unsere „Luftkühlung“ durch die Kurbel am Fenster sehr präzise einstellen, was binnen weniger Minuten eine angenehme Atmosphäre im Auto schafft – wer braucht schon eine Klimaanlage?

Auf dem Rückweg – vom Cape Reinga nach Awanui – übermannt uns plötzlich das Gefühl, wir würden eine einmalige Chance verpassen, wenn wir den Ninety Miles Beach einfach unbeachtet hinter uns lassen. Circa 20 Minuten später stehen wir an einer anderen Zufahrt auf den Strand. Kopf kratzend beäuge ich den etwa 25 Meter langen Sandsteifen vor mir misstrauisch.

25 Meter tiefer Sand gegen einen drei Tonnen schweren Japaner. Ohne Allrad. 87 Pferdestärken. „Tiefer gelegt“ (…,weil wir so schwer sind.). Und Reifen, die von einem Fahrrad stammen könnten und mit einem Profil von Formel 1 wagen ausgestattet sind. „Mit genügend Schwung kommt man überall durch“ höre ich die Stimme aus einem Film von einem Mann, der mit dem L300 einmal quer durch die mongolische Wüste gefahren ist, in meinem Kopf. Na gut, dann schaffen wir das auch!

Ich lege den Rückwärtsgang ein um meine Anlaufstrecke voll auszureizen. Die GoPro ist auf Go und meine Canon 80D auch. Mit schwitzenden Händen lege ich den ersten Gang ein und umgreife das Lenkrad. „Na dann mal los!“.

Gas, Gas, Gas!! Mit 40km/h im dritten Gang rasen wir auf den Sand zu, die ersten Meter klappen gut, wir schlingern. Ich versuche trotzdem in der Fahrspur zu bleiben…keine Chance. Wir stehen. Schluss aus. Wir stecken fest. Ich versuche noch ein paar Mal wieder anzufahren – es ist zwecklos!

Na gut, dann buddeln wir halt. Als erstes graben wir die Hinterreifen wieder frei und legen unsere Schneidebretter aus Holz möglichst weit unter die Reifen. Sie sollen unsere nicht vorhandenen Sandbleche ersetzen…und dabei hoffentlich nicht zu Bruch gehen. Ich lasse von beiden Reifen noch ein wenig Druck ab, damit wir mehr Grip haben. Zuversichtlich klettere ich hinters Steuer, starte den Motor und gebe langsam Gas. Mehr, Mehr und Mehr…doch nichts tut sich.

Okey anscheinend müssen wir noch mehr graben. Neben uns befindet sich ein circa 1,50 Meter hoher Sandhügel, der soeben von einem 4×4 Jeep überfahren wird, als wäre es das leichteste in der Welt. Innerlich, bedanke ich mich für die „Freundlichlkeit“ uns (nicht) zu helfen. Naja, hilft ja alles nichts. Wir graben weiter…und war da nicht irgendwas mit Flut und Ebbe oder so? Tempoooo, die Flut kommt bestimmt! Erst nach 15 Minuten Reifen frei buddeln begreifen wir endlich, dass das Problem gar nicht die festgefahrenen Reifen sind, sondern ein riesiger Sandhaufen, der sich unter Mr Mato aufgeschoben hat. Mr Mato hat es sich praktisch mit seiner Hinterachse – also seinem Arsch – auf dem Sand bequem gemacht. Kein Wunder, dass wir so nicht hier raus kommen. 20 Minuten schaufeln wir mit unseren Schneidebrettern den Sand zur Seite und legen Mr Mato Stück für Stück wieder frei. Doch es dauert ewig. Unser Auto ist so niedrig, sodass wir einmal komplett auf dem Sand aufsitzen. Nach weiteren 10 Minuten überholt uns ein junges Mädchen in einem blauen Pick Up und kommt vor uns zum stehen. Mit Bier in der Hand und großer Sonnenbrille vor den Augen, springt sie aus dem Pick Up und kommt auf uns zu.

„Do you think I can help you out there?“ fragt sie uns freundlich. „Oh yes, we really would appriciate it :)“ antworte ich, woraufhin sie ein Abschleppseil aus ihrem blauen Ford Raptor holt. Wir führen ein wenig Smalltalk während wir das Seil an Mr Mato befestigen. Ich soll ein wenig Gas geben und ganz langsam hinter ihr her rollen, wenn sie mich aus dem Sand zieht. – Puhh, da hatten wir nochmal Glück gehabt, dass es letztendlich so einfach ging.

Wir bedanken uns vielmals und wünschen unserer Helferin in der Not einen tollen Tag.

„Ehhm, can I ask you something else?“ (Ehhm, kann ich dich noch etwas anderes fragen?) rufe ich ihr hinterher, als sie das Abschleppseil in einer Box auf der Pritsche des Fords verstaut. „Oh yes. Of course you can!“ (Ja, klar. Kannst du.)

„Do you think we are able to do it out from the beach later as well? I am not sure if our car is suitable to go out form here again…through the sand.“ (Meinst du, wir kommen hier später auch wieder runter von dem Strand? Ich bin mir nicht sicher, ob unser Auto dafür gemacht ist den Strand wieder zu verlassen…durch den Sand.) frage ich sie, während ein skeptischer Ausdruck über mein Gesicht huscht.

„Yeah I think so. Just use third gear and put your foot down!“. antwortet sie mir mit einem breiten Grinsen. Ah ja, ich soll also „einfach in den dritten Gang schalten und mit meinem Fuß das Gaspedal komplett runter kloppen.“ Okeeeey…wird schoon :o))

Und jetzt fahren wir doch tatsächlich mit unserem Auto auf dem Ninety Miles Beach – 15 Kilometer auf einer ultra glatten und weichen Fahrban. Wir schweben! Mit 110km/h dem Sonnenuntergang entgegen auf einem Strand. Rechts neben uns schlagen die Wellen der rauen Tasman See in den Sand, links türmen sich die Dünen auf, die wie Schleier an uns vorbei ziehen und vor uns ein scheinbar endlos langer Strand – Was für ein krasses Erlebnis!

Meine Beine fühlen sich noch ein wenig wackelig von der Aufregung gerade an, als uns unsere „Pannenhilfe“ lächelnd überholt und ihr Handy auf uns richtet. Hihi…wahrscheinlich landen wir jetzt auf Facebook oder Instagram mit dem Kommentar: „Und wieder ein paar unfähigen Touristen aus dem Sand geholfen. Nice to meet you!“.

Als wir uns der „Abfahrt“ nähern steigt meine Aufregung und mein Puls wieder merklich an. Ich halte Mr Mato einige Meter vor dem Ausgang an und checke erstmal zu Fuß die Lage. „Oha, hier gehts ja auch noch bergauf °•°!“ Jedenfalls kommen wir von dieser Seite nicht hoch, denn hier ist der Sand mega tief. Ich fahre also eine Schleife – vorbei an neugierigen Einheimischen, die mit ihren Allradfahrzeugen am Strand stehen und fischen. Am oberen Ende der Zufahrt sehen wir einen anderen Backpacker-Van-Fahrer, der die Situation interessiert verfolgt. Vermutlich überlegt er auch, sich auf den Sand zu wagen.

Nun gut, aufgeregt setzte ich zum Anlauf an und fahre mit Vollgas auf die sandige Steigung zu.. Ich breche ab. Wir sind zu langsam. Ich fahre noch eine weitere Schleife um mehr Anlauf nehmen zu können – neugierige Augen verfolgen uns. Wir sind anscheinend so etwas wie eine „Touriattraktion für Einheimische“ geworden. Naja, die haben wahrscheinlich ihren Spaß, Backpacker beim Scheitern zuzuschauen ;).

Okey, zweiter Versuch. Diesmal mit doppeltem Anlauf. Vollgas! Dritter Gang. Wir erreichen die Steigung. Wir werden langsamer. Die Reifen drehen durch. Noch langsamer. „Komm schon!!“ Mit Ach und Krach erreichen wir mit einem ordentlichen Schlag den Betonuntergrund und können wieder etwas Schwung für die nächste Etappe holen. „We did it!“

Der Puls auf 130 und glühende Räder, – wir erreichen wieder festen Boden unter den Rädern. Yeeeeeees. Das war mal ein Nervenkitzel! Voller Adrenalin fahren wir zurück nach Awanui, wo wir uns ein leckeres Abendbrot zubereiten und über die heutigen Erlebnisse lachen und philosophieren.

PS: Für alle – speziell Backpacker ohne Allrad, wie wir – die auch auf den Beach fahren wollen: In den allermeisten Fällen ist Hilfe in Sicht. Dort fahren sich häufiger Leute fest und es finden sogar ganze Bustouren (mit umgebauten Bussen) auf dem Strand statt. Wenn man sich nicht in der Nacht vornimmt auf dem Strand zu fahren, sollte es immer Leute geben, die euch helfen. Aber trotzdem: It’s your own risk!

Und immer schön auf die Gezeiten achten, sonst wird’s nass im Fußraum!

Das war es vorerst zur nördlichsten Spitze Neuseelands! Aber unsere Reise durch das Northland ist noch nicht vorbei, denn in einem letzten – 5. Teil – zum Northland warten noch einige spannende Highlights auf euch!

Bis dahin, habt eine gute Zeit! Cheers!

Veröffentlicht von Manu

Mit dem Baujahr 2001 bin ich in meiner Branche noch ziemlich frisch - praktisch noch ein Neuwagen. Den ein oder anderen Ölwechsel durfte ich schon erleben, wobei mir mein Motor von Zeit zu Zeit einige Probleme bereitet. Aus diesem Grund existiert auch dieser Blog, denn ich möchte euch an der Reperatur teilhaben lassen und das Wissen, was ich mir dazu täglich aneigne mit euch teilen, damit auch Ihr effiziente und erfolgreiche Mechaniker eurer selbst werden könnt. Meine Betriebssoftware macht hingegen einen sehr soliden Eindruck und entwickelt sich immer weiter. Vielleicht ist sie eines Tages in der Lage, sich selbst zu reparieren, heilen und zu pflegen.

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