Northlandstories Three:
„Mücken sind keine Insekten. Mücken sind Arschlöscher!!!“
– Zitat, Manuel, 18, hat jetzt ein Mückentrauma.
Wir suchen uns einen gemütlichen Platz im Schatten auf der rießigen Grasfläche des DOC-Platzes „Spirits Bay“. Neben ein paar wenigen Campern finden wir unter einem Baum den idealen Platz. Wir spannen eine Leine zwischen Mr Mato und einem Baum, hängen unsere Sachen darüber und gehen eine Runde in der menschenleeren Bucht schwimmen – endlich mal wieder waschen! Nach einer gründlichen (natürlich arsch kalten) Dusche, bereiten wir unser Abendessen vor und klettern auf Bäumen herum, die praktisch wie dafür gemacht sind 😉
Mit Kamera und Belohnungsschokolade bewaffnet setzten wir uns nach dem Geschirr spülen an den ca. 100 Meter entfernten Sandstrand, geniesen den Sonnenuntergang und schauen einem lustigen Vogel zu, wie er mit seinem langen, roten Schnabel nach Insekten im Boden stochert. Es ist lustig und schön zugleich, seinen schnellen Schritten aufmerksam zu folgen. So eine Vogelart gibt es bei uns nicht. Um so spannender ist es, hier seine Futterjagd zu verfolgen. Als die letzten Sonnenstrahlen hinter einer Bergkette verschwunden sind, wird es ziemlich schnell, ziemlich kalt. Wir gehen zurück zum Auto, putzen Zähne und lüften nochmal ordentlich durch – eine grandiose Idee!
Als auch Helena vom Klo wieder kommt, werfe ich einen Blick ins Auto und falle vor Schreck fast um. Ein Mückenschwarm hat es sich über unserem Bett gemütlich gemacht. Nicht nur 2 oder drei Mücken sind plötzlich in Mr Mato, sondern 200-300 blutrünstige Vampirweiber belagern unseren Schlafplatz. „Heilige Scheiße.“ denke ich und werde zugleich von einem weiteren Schwarm über die Wiese gejagt. „Verdammter Mist. Was genau machen wir jetzt?“
Es folgt nun ein Auszug aus dem „Versuch einen Mückenschwarm zu entfernen – Katalog“:
1. Duftkerze anzünden und hoffen, dass die Viecher an einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung sterben und wie verkokelte Papierfetzen von der Decke fallen. Versuch: fehlgeschlagen
2. Duftkerze nach draußen stellen, weil die Mücken anscheinend vom Duft (oder eher dem CO²) angezogen werden. Versuch: fehlgeschlagen
3. Physik Leistungskursler stellt eine Theorie auf: Okey, wir machen jetzt nur die Heckklappe auf und ich setz‘ mich ans Steuer und gebe Vollgas. Nach einem großzügigen Halbkreis, machst du die Heckklappe schnell wieder zu und wir springen ins Auto. Meine Theorie, wir könnten die Mücken durch das Gesetz der Trägheit loswerden ist leider fehlgeschlagen.
4. Wir stellen uns hinters Auto, locken die Mücken an und rennen dann im Kreis. Versuch: fehlgeschlagen
5. Wir versuchen sie mit alten Cornflakespappen aus dem Auto zu wedeln. Versuch: fehlgeschlagen
6. Wir bauen einen Flammenwerfer aus einem Feuerzeug und Deo. Wir töten ein paar Mücken. Es macht Spaß. Unser Dach fängt an zu schmelzen. Es macht keinen Spaß. Versuch: teilweise erfolgreich
7. Hochprozentiger Alkohol (Desinfektionsspray) verringert die Flugfähigkeit der Vampire. Wir sprühen um die Wette und können einige dutzend Mücken entfernen. Versuch: teilweise erfolgreich. Nachteil: eine 86%ige Alkoholwolke im Auto wirkt sich recht schnell auf unsere Stimmung aus. Ich habe Kopfschmerzen aus einem Mix an Duftkerzenrauch, Deoduftstoffe, Treibmittel, Alkohldunst und dem Summen hunderter Mücken über unseren Köpfen.
8. Wir liegen mit dem Rücken auf dem Bett und töten Schlag für Schlag Mücken, die sich an der Decke tummeln. Bamm. Bamm. Treffer. Blut. Bamm. Versuch: Auswegslos
9. Es sind einfach zu viele. Wir rollen uns in das Bettlaken ein und versuchen unsere Körper mechanisch von den Vampiren zu beschützen. Doch die Luft wird recht schnell Mangelwaare unter dem Stoff. Wir versuchen zu schlafen. Es ist 2:30. Fazit: SCHLAFEN NICHT MÖGLICH!
Sobald die Sonne am Horizont zu sehen ist, reißen wir alle Türen auf und werden endlich den Mückenschwarm aus unserem Auto los. Denn sie sind glücklicherweise nachtaktiv und würden bei dieser Hitze im Auto tagsüber sterben. Unsere Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld. Berge von Klopapier mit hunderten Mückenkadavern und Blutflecken türmen sich bis zur Decke. Überall im Bett liegen zerfetzte Körper, abgerissene Flügel und Beine. Unsere Körper gleichen einer Huckelpiste – schlimmer als die meisten schlecht gebauten Straßen hier. Wir stehen vor der größten Herausforderung, die wir bisher meistern mussten: So gut wie irgendwie möglich, dem „Kratzzwang“ standhalten. Doch irgendwann übermannen uns die Juckreize. Wir verwandeln unsere Körper in blutige Mondoberflächen, die uns noch Wochen später an diese überaus „erholsame“ Nacht erinnern werden.
Die nächsten Nächte quälen uns Albträume. Ich träume von riesigen, blutsaugenden Tieren, die ihren Monsterstachel tief in meine Haut rammen. Noch Tage später hören wir das Phantomsummen über uns, wenn wir Abends im Bett liegen. Ich hasse Mücken alias Arschlöscher. Von „Zwangs-Blutspenden“ habe ich sowieso noch nie viel gehalten. Naja jedenfalls haben unsere Körper jetzt erstmal ein wenig mit der Neubildung von 10 Litern Blut zu tun (Okey, das ist vielleicht ein bisschen über trieben…).
Ich denke, wir haben unsere Lektion gelernt, auch wenn ich mich Frage, wie so viele Mücken auf einmal an diesem kleinen Fleck Erde leben können. Tja die Natur ist immer wieder für Wunder zu haben.
Wir verlassen die „Spirits-Bay“ mit gemischten Gefühlen, denn die Natur, der Sonnenuntergang, die Bäume, der Strand, das Meer – all das war einfach traumhaft. Der Mückenkrieg hat uns allerdings ein kleines Trauma verpasst. Aber wie heißt es so schön: „Experiences are the best education in the world.“
…
…ich habe das Gefühl, dieser Ort will uns noch nicht gehen lassen, nachdem er gestern anscheinend alles in seiner Macht stehende getan hat, um uns loszuwerden. Nach ca. 6 Kilometern Schotter-Drift-Piste stellen wir fest, dass wir womöglich unsere Schüsseln in Spiritsbay am Wasserhahn stehen gelassen haben.
Unsere Schüsseln – unser wichtigstes Hab & Gut.
>> 6 Kilometer zurück >> Schüsseln einsammeln >> auf in neue Abenteuer.
Dieser Tag wird gut – sehr gut sogar – große Abenteuer warten auf uns und machen die Opfer des Mückenkrieges nahezu vollständig vergessen.
Wir sehen uns im vierten Teil zum Northland hier im Land der langen, weißen Wolke – Aoteroa.
>>Stay continued<<